Liebe Schwestern und Brüder,
vor hundert Jahren haben Menschen an diesem Ort dieses Ehrenmal errichtet.
Sie wollten den Gefallenen des Ersten Weltkriegs einen Namen und einen Ort des Erinnerns geben.
Hinter jedem Namen steht ein Mensch: ein Sohn oder eine Tochter, ein Vater, ein Bruder, ein Freund. Menschen mit Hoffnungen, Träumen und Plänen.
Der Krieg hat all das zerstört.
Heute denken wir auch an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Und unser Gedenken endet nicht bei der Vergangenheit.
Es reicht bis in unsere Gegenwart. Jeden Abend sehen wir Bilder aus der Ukraine, aus Israel und Gaza, aus dem Sudan und aus vielen anderen Regionen der Welt. Wieder verlieren Menschen ihr Zuhause. Wieder sterben Kinder. Wieder werden Familien auseinandergerissen.
Deshalb stehen wir heute nicht nur an einem Ehrenmal.
Wir stehen zugleich an einem Mahnmal. Es erinnert uns daran, welchen Preis Hass, Gewalt und Krieg fordern.
Dass wir diesen Gottesdienst gerade hier feiern, mitten im Wald, ist gut. Denn dieser Ort hat etwas Symbolisches.
Der Eggegebirgsverein ist ein Wanderverein.
Er lebt vom Unterwegssein. Menschen gehen gemeinsam einen Weg. Nicht jeder ist gleich schnell. Man wartet aufeinander. Man hilft sich über schwierige Stellen. Man genießt gemeinsam die Schönheit der Natur.
Wer wandert, weiß: Ein guter Weg entsteht nicht dadurch, dass jeder nur seinen eigenen Kopf durchsetzt. Ein Weg gelingt, wenn Menschen miteinander gehen.
Genau davon spricht auch der Prophet Jesaja.
Er sagt nicht zuerst: Irgendwann wird Frieden sein.
Er sagt zuerst: »Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn.« Menschen machen sich gemeinsam auf den Weg. Sie lassen sich von Gott seine Wege zeigen.
Und erst dann heißt es: »Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen.«
Das ist eine wunderbare Reihenfolge.
Frieden fällt nicht vom Himmel. Er wächst dort, wo Menschen bereit sind, sich auf Gottes Weg führen zu lassen.
Dieses Wort hat Generationen bewegt. »Schwerter zu Pflugscharen« wurde zum Leitspruch der Friedensbewegung.
Viele erinnern sich an die Ostermärsche. Viele erinnern sich auch an die Friedensgebete in der ehemaligen DDR.
Junge Menschen trugen den Aufnäher mit dem Zeichen »Schwerter zu Pflugscharen«, obwohl sie dadurch Nachteile in Schule oder Beruf in Kauf nehmen mussten.
Sie glaubten daran, dass Gewalt nicht das letzte Wort haben darf. Dass Gottes Zukunft anders aussieht als unsere Gegenwart.
Dieses alte Wort aus der Bibel hat nichts von seiner Kraft verloren.
Denn die Versuchung ist groß, auf Gewalt mit Gegengewalt zu antworten. Die Geschichte zeigt, wie leicht aus Feindschaft neue Feindschaft wird. Vergeltung schafft selten Frieden. Sie schafft oft nur den nächsten Grund für neuen Hass.
Natürlich wissen wir: Die Wirklichkeit ist kompliziert. Es gibt Situationen, in denen Menschen sich verteidigen müssen. Auch darüber wird heute intensiv diskutiert. Die Bibel macht es sich nicht einfach. Aber sie hält unbeirrt an Gottes Ziel fest:
Nicht der Krieg ist Gottes Zukunft, sondern der Friede.
Vielleicht ist das gerade die Aufgabe eines Ehrenmals. Es soll uns nicht an Heldentum erinnern.
Es soll uns fragen: Haben wir aus der Geschichte gelernt?
Ein Ehrenmal darf niemals dazu dienen, den Krieg schönzureden. Es erinnert daran, dass am Ende alle verlieren. Sieger kehren oft ebenso verwundet zurück wie Besiegte – an Leib oder Seele.
Darum braucht unsere Zeit Menschen, die Frieden lernen.
Nicht nur Politiker.
Nicht nur Diplomaten.
Wir alle.
Der Friede beginnt viel früher.
Er beginnt dort, wo Menschen einander zuhören. Wo einer den ersten Schritt wagt. Wo Vergebung stärker wird als das Bedürfnis, Recht zu behalten. Wo wir den Mut haben, Brücken zu bauen, obwohl Mauern einfacher wären.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieses Tages.
Der Weg des Friedens beginnt nicht irgendwo weit weg.
Er beginnt mit dem nächsten Schritt.
Hier.
Bei uns.
In unseren Familien.
In unseren Gemeinden.
In unseren Vereinen.
Im Eggegebirgsverein geschieht genau das auf eine ganz einfache Weise:
Menschen gehen gemeinsam Wege. Sie entdecken die Schönheit der Schöpfung. Sie erleben Gemeinschaft. Sie achten aufeinander. Vielleicht ist das unscheinbarer, als große Reden über den Frieden zu halten.
Aber vielleicht beginnt der Friede genau so – indem Menschen lernen, gemeinsam unterwegs zu sein.
Nachher werden wir miteinander singen: »Sag mir, wo die Blumen sind.«
Dieses Lied stellt dieselbe Frage immer wieder.
Es zeigt den Kreislauf des Krieges: Menschen ziehen in den Krieg. Sie sterben. Gräber entstehen. Blumen wachsen darüber. Und irgendwann beginnt alles von vorn.
Der christliche Glaube widerspricht diesem Kreislauf.
Er sagt: Gott hat uns nicht dazu geschaffen, immer wieder dieselben Fehler zu machen.
Er ruft uns auf einen anderen Weg.
Auf den Weg des Friedens.
Möge dieses Ehrenmal deshalb nicht nur von der Vergangenheit erzählen. Möge es uns jedes Mal neu daran erinnern, welchen Weg Gott uns zeigt.
Den Weg des Friedens.
Amen.