Eggegebirgsfest 2008: Vizepräsident spricht den Wanderern aus der Seele

Festansprache von Werner Mohr, Vizepräsident des Deutschen Wanderverbandes

Rede anlässlich des Eggegebirgsfestes in Bad Driburg am 17. August 2008

Ich darf Ihnen im Namen des Verbandsvorstandes – und auch seines Präsidenten Dr. Hans-Ulrich Rauchfuß - und damit der gesamten Deutschen Wandervereine die herzlichsten Grüße zum Eggegebirgsfest überbringen.

Verbunden mit den Grüßen ist vor allem der Dank des Deutschen Wanderverbandes für das große Engagement im Dienste des Wanderns, des Natur- und Umweltschutzes, der Kulturarbeit , der Heimat- und Brauchtumspflege sowie der Gesundheitsvorsorge.

100 Jahre Eggegebirgsverein Bad Driburg bedeutet 100 Jahre Idealismus und ehrenamtlicher Einsatz der Mitglieder für ihren Verein. Für dieses uneigennützige Engagement sage ich Ihnen ein aufrichtiges Wort des Dankes und der Anerkennung.

In diesem Jahr feierte der Deutsche Wanderverband – der Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine – sein 125-jähriges Jubiläum. Mit seinen über 600.000 Mitgliedern in 56 Verbandsvereinen sind wir der größte und bedeutendste Wanderverband in Deutschland und in der Europäischen Wandervereinigung.

- „Mein Ur-Ur-Ur-großvater soll immer gesagt haben: Das Allerschönste ist für mich das Wandern auf Schusters Rappen. Da kann ich auf das Kutschenfahren verzichten.

- Mein Ur-Ur-großvater dagegen hat gemeint: In einer Kutsche drinsitzen und die Welt erfahren, das macht Spaß. Aber reiten auf einem Pferd möchte ich nicht um viel Geld.

- Mein Ur-großvater hat gemeint: Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Aber in so eine moderne Eisenbahn brächten mich keine 10 Pferde hinein.

- Mein Großvater war der Ansicht: Das schönste auf der Welt ist das Eisenbahnfahren. Aber in solch ein Auto, solch eine blecherne Benzinkutsche steige ich nicht ein.

- Mein Vater ist leidenschaftlich gerne Auto gefahren. Aber er hat immer gesagt: In ein Flugzeug setze ich mich nicht.

- Und ich fliege gerne, um ferne Länder zu sehen, aber mir wäre Himmelangst wenn ich in eine Rakete müsste.

- Meine drei Söhne meinen: mal mit einer Rakete ins Weltall zu fliegen, das wäre der „kick“.

Unsere Gesellschaft wandelt sich schnell wie nie. Technik und damit auch Natur und Umwelt verändern sich rapide. Auch das Wandern entwickelt sich beständig weiter.

Vor 100 bis 125 Jahren entstanden überall Gebirgs- , Wander- und Verkehrsvereine mit dem Ziel: Landschaften für Besucher - also für Wanderer wie Touristen – zu erschließen. Dazu legten die Wandervereine Wegemarkierungen an, führten Wanderungen durch, gaben Wanderführer heraus und empfahlen wanderfreundliche Gasthöfe.

Hinzu kamen weitere satzungsgemäße Aufgaben wie: „Schutz der Naturschönheiten“, „Förderung der Kenntnisse der Landschaft in naturwissenschaftlicher und volkskundlicher Erforschung und volkstümliche Belehrung“.

Anfang des 20.Jhd. waren Themen wie „einheitliche Wegebezeichnung, Kulturarbeit, Förderung des Jugend- sowie des Schülerwanderns“ hinzugekommen.

Weiterhin: Errichtung von Aussichtstürmen, Wanderhütten und Wanderheime, Rastplätze, Wegweiser, ….

Und heute?

Heute - genauso wie vor 125 Jahren - gelten die Ideale, Zielen und Aufgaben der Wandervereine, nämlich

Pflege des Wanderns für jedermann,

Naturschutz und Landschaftspflege als Daseinsvorsorge für die Allgemeinheit

Denkmalschutz als Pflege und Sicherung erhaltenswerter Zeugnisse

Förderung der Völkerverständigung

Wandern ist und bleibt die natürlichste Fortbewegung des Menschen und trainiert den ganzen Körper. Gleichzeitig wirkt das Wandern aber auch sehr positiv auf Geist und Seele des Menschen. ----- Wandern ist also erleben und genießen.

Wandern ist praktische Gesundheitsvorsorge. Richtig verstandenes Wandern befreit von Stress, stabilisiert die Gesundheit und stärkt die Widerstandskraft des Körpers.

Wandern ist eine Ganzjahresverführung: Überall möglich, beliebig variierbar

Wandern ist schlichtes Erleben der Natur. Beim Wandern erleben die Menschen die Natur hautnah. Wandern fördert durch die Bewegung in der Landschaft, in der Natur in ganz besonderem Maße die Einsicht, dass Natur- und Umweltschutz dringend erforderlich sind.

Durch die Wegemarkierung gestalten wir zugleich die Infrastruktur für die Besucherlenkung und schaffen Freiraum für Flora und Fauna ---- also aktiver Naturschutz.

Die Wandergemeinschaft

Wer wandert verbindet sich mit der Welt und den Menschen.

Wer immer nur fährt, eilt an beiden vorüber.

Wandervereine bieten ideale Voraussetzungen für soziale Bezüge, vielseitige Betätigung, gemeinschaftsbildendes Miteinander und für qualitativ und quantitativ sinnvoll genutzte Freizeit. Die Ziele der Wandervereine sind vielfältig, sie ermöglichen es jedem Mitglied – aber auch Nichtmitglied – sich frei zu entfalten. Jeder kann seine Schwerpunkte innerhalb des Angebotes setzen.

Wandern ist wesentlich auf Gemeinschaft und Begegnung hin angelegt. Wandervereine sind offen für jeden Menschen gleich welchen Alters, welchen Bildungsgrad und sozialen Standes. In vielen Wandergruppen findet Begegnung der Generationen statt. Eltern mit Kindern können ebenso wandern wie Senioren. Viele Freizeitaktivitäten reißen die Familienmitglieder auseinander. Aber gibt es denn eine bessere Freizeitaktivität für die ganze Familie als das Wandern? Wandern verbindet!

(Wandervereine bieten ideale Voraussetzungen für gute Gemeinschaft und menschliche Wärme, sie „strahlen Geborgenheit“ aus. Manche Menschen müssen ihr Leben in höherem Alter neu organisieren, sei es, weil die Familie sie nicht mehr so stark bindet, die Kinder aus dem Hause sind, das Berufsleben abgeschlossen oder der Partner gestorben ist. Der Wanderverein ist die Einrichtung, die neue Bindungen vermittelt, neue Aufgaben anbietet; in ihm findet der Mensch seinen Freundeskreis, mit dem er seine Freizeit gestalten, seine Ziele verwirklichen und sein Leben sinnvoll ausfüllen will. Kaum eine Gemeinschaft ist besser geeignet als eine Wandergruppe, fremde und allein stehende Menschen zu integrieren. )

Wenn Du schnell voran kommen willst,

musst Du allein gehen.

Wenn Du weit voran kommen willst,

musst Du gemeinsam mit anderen wandern.

Unser ehemaliger Präsident Konrad Schubach sagte einmal: „Wandern ist in unserer wachsenden Freizeitgesellschaft eine der sinnvollsten Freizeitbeschäftigungen überhaupt. Und dort, wo sich sinnvolle Freizeit, Gesundheit und Freude verbinden lassen, erwachsen eine positive Lebenseinstellung, ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Natur und eine partnerschaftliche Begegnung mit den Mitmenschen“.

Kurz gesagt: Wandern bringt Menschen auf unkomplizierte Weise zusammen. Wandern fördert die Sozialisation des Menschen.

Und dabei muss unser Wanderangebot so reichhaltig und vielfältig werden, damit sich viele Menschen im Wanderverein wieder finden. Bsp. Kulturwanderungen, Naturkundliche Wanderungen, Sportwanderungen, Schulwanderungen, Familienwanderungen, Geochaching und v.m. Und damit auch alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten gleichermaßen ansprechen. Das gilt für Kinder- und Jugendliche genauso wie für Senioren und – was mir besonders am Herzen liegt – die Jungen Familien.

Wandern ist Kulturarbeit

Die Kultur einer Landschaft hat ihre Wurzeln in ihrer Geschichte, die wesentlich zur Gegenwartsdarstellung beiträgt.

Für den Deutschen Wanderverband ist Kulturarbeit ein hohes Gut.

Ohne Heimatbewusstsein und ohne Bewusstsein der eigenen Identität werden wir die Herausforderungen unserer Zeit nicht meistern können. Nur so können wir auch die Globalisierung bestehen. Denn im Zuge der Globalisierung ist es wichtig das Kulturgut der Region zu erhalten und damit fördern und stärken wir die Region.

Naturverträglicher Tourismus

Markierte Wanderwege und Wegeleitsysteme sind wesentliche Voraussetzungen für einen wandertouristischen Erfolg. Besonders auch im Hinblick auf die dramatischen klimatischen Veränderungen gehört das Wandern in Freizeit und Urlaub zu den umweltfreundlichsten Aktivitäten, die es gibt.

Und noch etwas möchte ich feststellen:

Deutschland ist Wanderland und die tragende Säule des Tourismus in Deutschland ist der Wandertourismus und der wird hier im Bereich des Eggegebirgsverein wie in allen Regionen sichergestellt durch die nachhaltige und ehrenamtliche Arbeit der vielen Aktiven in den Wandervereinen. D.h. ohne das Wirken der Wandervereine geht nichts.

Der Deutsche Wanderverband hat mit dem Programm „Wanderbares Deutschland“ Eckpunkte für ein modernes und naturverträgliches Wandern gesetzt. In unserem Zertifizierungsverfahren werden Wegeformate, Wanderleitsysteme, Besucherlenkung, Naturverträglichkeit, Kulturerleben und Umwelteinflüsse geprüft, analysiert und dann als „Qualitätsweg“ besonders ausgewiesen. Einer dieser Wege ist der „Eggeweg“.

Wir Wandervereine fördern einen sanften, nachhaltigen und erfolgreichen Tourismus.

Wandern ist Kontrasterfahrung. Wer wandert, kennt Alternativen zum reglementierten Stop-and-go-Verkehr der großen Ballungsräume. Die fließende Bewegung im Freien tritt an die Stelle des erstarrten Sitzens. Man tauscht den Komfort der Büroräume, Einkaufszentren und Wohnzellen mit der frischen Luft der Wälder.

Wandern in freier Landschaft ist auch gleichzeitig das perfekte Kontrastprogramm zum Surfen im Cyberspace oder Internet. Wir – und damit spreche ich auch insbesondere die jüngere Generation an – wir verbringen mehr und mehr unserer Lebenszeit vor den Bildschirmen. Per Mausklick navigieren wir durch die virtuellen Welten des Internets. Dort weht kein Lüftchen. Kein Duftfeld, kein lebendiger Klang , keine Bodenhaftung nirgendwo.

Wandern schärft die Sinne. Der langsame, stetige Strom der Eindrücke tritt an die Stelle der medial vermittelten Sturzflut der Bilder. Wer die Farbenpracht eines herbstlichen Waldes bewusst erlebt hat, nutzt die Farbskalen der Designer-Software souveräner.

Und so stelle ich fest: Wandern ist heute Einspruch gegen das Diktat der Beschleunigung und der Kontrasterfahrung zum digitalisierten Alltag. Wenn wir das den jüngerenLeuten bewusst machen, dann sehe ich hier die Wurzeln für eine dauerhafte Renaissance des Wanderns.

Wandern ist Lebensphilosophie: zurückschalten, innehalten , sich wieder spüren können.

Gesundheit und Sport

Die Wandervereine bringen Menschen in Bewegung. Bewegung in der Natur, ob wandern oder walking/ nordic-walking oder Fahrrad fahren ist sanfter Natursport. Wandern schafft körperliche Fitness und erzielt Trainingseffekte noch im hohen Alter.

Wandervereine bringen alle Generationen zum Natursport Wandern und fördern Gesundheit und Fitness von Jung und Alt.

Natur- und Landschaftsschutz

Landschaftsverbrauch und Artenverlust sind ungebremst. Die Wandervereine nutzen die Suche des Wanderers nach einem Naturerlebnis, um seine Sensibilität für den Umgang des Menschen mit Landschaft und Natur zu stärken.

Wandervereine bringen Menschen in die Natur, vermitteln Sensibilität für die Landschaft und ihren Erhalt.

Nachhaltigkeit

Wandern führt Tourismus, Sport, Gesundheit, Erholung und Erleben der Natur zusammen. Die Wandervereine sind und bleiben durch ihre Mitglieder und die breite Verzahnung in allen gesellschaftlichen Gruppen Garant für eine Zusammenarbeit aller Gruppen in der Region.

Die Geschichte der Deutschen Wanderbewegung dokumentiert Nachhaltigkeit in einer Vielfalt von Tätigkeitsfeldern.

Die Wandervereine bewahren und vermitteln Werte, stehen für bürgerschaftliches Engagement und sehen sich in vielfältiger Verantwortung für die Zukunft unserer Heimat.

Und so müssen auch wir als Wandervereine uns verändern und die Rahmenbedingungen neu fassen und somit die Weichen für den künftigen Wanderverein – für das zukünftige Wandern stellen.

Wandern, das ist Bewegung, die ankommt!

Dies ist im guten Sinne doppeldeutig zu verstehen:

Zum einen die Fortbewegung zum Ziel einer Wanderung und zum anderen der gesundheitsfördernde Aspekt des Wanderns. Wichtig ist aber vor allem die Tatsache, dass es einer Gemeinschaft bedarf, um etwas zu bewegen – zu erreichen

„Alles fließt und nichts bleibt gleich.“

Was griechische Philosophen schon vor Jahrtausenden formulierten, gilt heute mehr denn je:

Daher wir dürfen weiterhin den Blick in die Zukunft nicht verlieren. Es muss uns gewiss sein, dass das Wandern sich wandeln wird, wie die Menschen sich wandeln werden:

GPS, Armbandcomputer mit Satellitennavigation mögen die Orientierung demnächst zum Kinderspiel werden lassen.

Markierungen werden zu uns über Miniaturempfänger sprechen.

Pulsuhrencomputer werden uns das Laufen lehren, die Herzfrequenz messen, diesen uns anzeigen und unseren Schritt mäßigen oder beschleunigen helfen.

Doch --- es werden immer noch unsere eigenen Füße sein, unsere Ohren, unsere Augen , unsere Nasen mit denen wir wandern, hören, schauen oder riechen. Wir werden nicht schneller gehen, wie das Tempo das uns Wanderern angeboren ist. Und das ist gut so!

Für die Zukunft möchte ich Ihnen und dem Eggegebirgsverein zurufen:

Sorgen Sie dafür, dass Sie mit dem Schwung von heute, die Probleme von morgen angehen.

Im Namen des Deutschen Wanderverbandes wünsche ich dem Eggegebirgsverein weiterhin eine glückliche Hand, viel Erfolg und viele erlebnisreiche Wanderungen.

Der offene Blick nach vorn wird dem Eggegebirgsverein nicht nur die eigene Zukunft sichern, sondern auch dem Gemeinwohl in der ganzen Region dienen.